Abdichten des Differentiales

Es gibt ja den bösen Spruch über Mercedesdifferentiale, wenn sie nicht tropfen, ist auch kein Öl mehr drin.

Damit ist gemeint, daß die Differentiale so ab einem Alter von acht Jahren oder 100tkm Laufleistung eben einfach feucht sind, das eine mehr, das andere weniger, man kennt es bei Mercedes-Fahrzeugen nicht anders, seit Generationen schon. Natürlich wissen auch die Prüfer vom TÜV oder der Dekra von diesem Problem und es eröffnet ihnen wunderschöne Möglichkeiten, ihren Ermessensspielraum zu nutzen.

Hat der Prüfer einen guten Tag und findet Gefallen an dem alten Wagen, so nimmt er seinen Lappen, wischt den Öltropfen vom Diff, murmelt etwas wie "das kriegen die einfach nicht in den Griff" und macht weiter. Hat er jedoch einen schlechten Tag, macht er gar nichts, außer einer Notiz an der entsprechenden Stelle seines Mängelberichtes und wird den armen Mercedeseigner mit den Worten "das müssen Sie abdichten lassen, das kleckert ja die ganze Straße voll" ohne Plakette nach Hause bzw. in die nächste Werkstatt schicken.

So ging es auch Thomas mit seinem 190E 2.0, der wegen ausgenudelter Stabigummis vorn (gefährlich!!!) und undichtem Differential keine TÜV-Plakette bekam. Eigentlich albern, aber die Vorgabe bei den TÜVern ist ja wohl, daß Fahrzeuge, die älter als acht Jahre alt sind, nicht so einfach und schon gar nicht im ersten Anlauf durch die Hauptuntersuchung kommen dürfen. Also wird gesucht und irgendwo dann auch etwas gefunden.

Obwohl sich viele Geschichten um das Abdichten des Differentiales ranken - so schwierig ist es gar nicht, wenn auch etwas aufwendig. Ich beschreibe hier im folgenden die Arbeiten an einem Differential mit ABS und sonst nichts. Einzelne Arbeitsschritte bei Sperrdifferential ASD können von dieser Beschreibung abweichen.

Zur freundlichen Beachtung:

Dies ist keine Reparaturanleitung, sondern ein Erlebnisbericht.

Der Autor will niemanden zur Nachahmung anregen. Er übernimmt für Schäden jeglicher Art, die aus Nachahmung oder ähnlichem entstehen, keinerlei Verantwortung.

Auch wenn im folgenden viele Arbeitsschritte ausführlich und detailiert beschrieben und bebildert sind, heißt das nicht zwangsläufig, daß alle Arbeitsschritte genannt sind und die Beschreibung vollständig ist.

Vielen Dank für die Beachtung aller Sicherheitsvorschriften.



Man beginnt mit einer Grobreinigung des Gehäuses im eingebauten Zustand mittels Drahtbürste und Bremsenreiniger. Als allererste Schrauberei löst man die Einfüllschraube für das Differentialöl mit einem 14er Innensechskantschlüssel. Wer sich fragt, warum damit begonnen werden soll, hat noch nie alleine vor dem ausgebauten Teil mit mörderisch angezogener Schraube gestanden - das ist eine Erfahrung... Auch bei der Nachfüllschraube ist es klug, den Innensechskant vor Ansetzen des Werkzeuges zu reinigen, damit die Nuß ganz hineingeht und man den Sechskant nicht rundnudelt. Wenn man schon dabei ist, wird auch die Ablaßschraube gereinigt und gelöst.

Dann entfernt man die Verschraubungen der Antriebswellen sowie die der Gelenkwelle. Neuerdings verwendet Mercedes für die Befestigung der Antriebswellen Schrauben mit Außentorx, hier benötigt man eine Stecknuß E14, für die alten Schrauben (reinigen!) tut es ein Innensechskant. Mit einem Getriebeheber stützt man das Differential ab und schraubt die vordere Lagerung sowie die hinteren Halterungen ab. Vorsichtig ablassen, das gute Stück ist nicht aus Pappe und wiegt ein wenig.

Im ausgebauten Zustand reinigt man das Gehäuse von noch anhaftendem Dreck und Ölmodder. Als nächstes die Entlüfterschraube, die oben hinten im Gehäuse oder im Gehäusedeckel eingeschraubt ist, lösen.

Man legt das Diff in eine passenden Wanne, dreht die Ablaßschraube aus dem Gehäuse und die "Suppe" läuft heraus. Nach Lösen der Schrauben des hinteren Deckels läuft der Rest ab, so daß man den Eisenklotz aus der Wanne nehmen und auf die Werkbank legen kann.

Schaut man nun von hinten in das Differential, kann man schön die Verzahnung von Kegel- und Tellerad sowie die des Differentialkorbes sehen. Fallen einem am Boden des Gehäuses Späne oder kleine abgebrochene Metallstücke auf, so kann man den Patienten eigentlich gleich an die Pathologie überweisen, so ein Diff ist meist reif für die Schrottkiste, zumindest aber für den Instandsetzer.

Beim Blick in das Differential kann man die Sicherungsringe samt Öse erkennen, die die Wellenstümpfe rechts und links halten. Auch kann man hier sehr schön sehen, wo sich die Zahnräder (hier die Räder des Differentialkorbes) berühren und aufeinander abrollen, der Fachmann spricht vom Tragbild (nicht, daß ich zu diesem Tragbild hier irgendwelche fachlichen Beurteilungen abgeben könnte, die Zahnflanken sehen aber schon etwas mitgenommen aus...).

Mit einem passenden Haken (ich habe die Ausziehhaken für das Kombiinstrument verwendet) greift man in die Öse und zieht (mit Kraft und der dahintergehaltenen Hand, damit das Teil nicht abhaut, wenn es kommt) den Sicherungsring heraus.


Der Wellenstumpf (links unten) läßt sich nun nach außen entnehmen, in der Mitte liegt der Sicherungsring und rechts der Ausziehhaken.

Der Bereich um den Wellendichtring ist zu reinigen, damit kein Dreck in das Differential oder das Lager fallen kann.


Mit einem passenden Ausziehwerkzeug, alternativ einem breiten Schraubenzieher, drückt oder hebelt man den Dichtring aus dem Gehäuse. Hinterher sieht es so aus...

Den neuen Dichtring (hier liegt er lose auf dem Gehäuse) schlägt man mit dem passenden Einbauwerkzeug, alternativ dem gerade entnommenen alten Dichtring, lotrecht soweit ein, bis der Stahlkragen im Gehäuse aufsitzt.

Auf keinen Fall sollte man mit dem Hammer direkt auf den Rand des Dichtringes schlagen, das führt fast immer zu mehr oder minder großen Beschädigungen des Dichtringes. Wie auch bei geteilten Lagern eignet sich der ausgebaute Dichtring (oder bei geteilten Lagern die ausgebaute Lagerschale) prima zum Einschlagen des Neuteiles.

Den Wellenstumpf reinigen, leicht einölen, einsetzen und von innen den Sicherungsring mit einer Spitzzange wieder aufdrücken. Fertig, nächste Seite.

Der Entlüfter des Differentiales ist eigentlich nur bei ausgebautem Gehäuse zugänglich. Da wir ihn vorhin in kluger Voraussicht schon gelöst haben, wird er jetzt durch ein Neuteil ersetzt.

Der Gehäusedeckel und die Dichtfläche am Gehäuse werden gründlich gereinigt, mit einem Schaber oder stumpfen Spachtel abgezogen und anschließend einseitig dünn mit Gehäusedichtmasse eingestrichen. Deckel aufsetzen, Schrauben über Kreuz festziehen und fertig.

Bis hierhin sind wir dicht an den Arbeitsanweisungen aus dem WIS gewesen, jetzt müssen wir davon abweichen, sofern wir über keinen Schleppmomentanzeiger verfügen. Ist das gesamte Spezialwerkzeug vorhanden, geht es weiter, wie im WIS beschrieben.

In unserer einfachen Variante machen wir nun folgendes: Mit einem Tiefenmesser, z.B. dem einer stabilen Schieblehre, messen wir am Differentialhals den Abstand zwischen der Oberkante der Eingangswelle und der Oberkante der darauf festgeschraubten Mutter. Der Wert wird an anderer Stelle am Umfang der Mutter kontrolliert und dann aufgeschrieben.

Nun die Mutter abschrauben, das geht am einfachsten mit einem Preßluftschrauber, ansonsten muß man die Differentialausgänge irgendwie blockieren.


Nun kann man den Wellenflansch mit der Verbindung zur hinderen Hardyscheibe entnehmen.



Den Bereich am Hals nochmals reinigen und den Dichtring mit einem Schraubenzieher heraushebeln, Einbau des Neuteiles wie oben beschrieben mit Hilfe des alten Dichtringes.

Den Wellenflansch reinigen, einölen und einsetzen.








Die neue Mutter wird wieder aufgeschraubt, bis die vorhin gemessene Tiefe erreicht ist, Mutter verstemmen und fertig.


Bei den beiden bisher von mir auf diese Weise abgedichteten Differentialen reichte es, die Mutter einfach fest gegenzuziehen, um die ursprüngliche Stellung wieder zu erreichen. Ein Nachmessen ist jedoch dringend geraten, da über die Position der Mutter das Spiel zwischen Kegel- und Tellerrad eingestellt wird.

Ich habe eine neue Mutter verwendet, wobei dann die eventuell vorhandene Differenz zwischen Dicke der alten und der neuen Mutter vorzeichenrichtig zu dem ursprünglich gemessenen Tiefenwert addiert werden muß. Also, wenn die neue Mutter 0,5mm dünner ist, als die alte, muß natürlich die Tiefe mit der neuen Mutter auch 0,5mm mehr betragen, als ursprünglich. Bisher waren jedoch die neuen Muttern - im Bereich der Meßtoleranzen meiner Schieblehre - immer genauso dick, wie die alten. Soweit alles klar? :-)

Nun wird das Differential mit der vorgeschriebenen Menge (je nach Diff zwischen 0,7l und 1,3l) Öl befüllt und kann wieder verbaut werden.

Nachdem wir auf diese Weise sowohl das Differential von Thomas 190er als auch ein neues gebrauchtes für meinen Tee abgedichtet haben, und beide Diffs über mehrere 10tkm dicht und geräuscharm blieben, kann ich behaupten, daß es so funktioniert.

Ein völlig unerwartetes Problem habe ich allerdings nun hinzubekommen: das Diff rostet äußerlich! Mal sehen, ob der TÜV das beim nächsten Mal moniert...

Man sollte sich für diese Arbeiten neben den Dichtringen und dem Entlüfter auch die Schraube für den Gelenkwellenflansch sowie neue Schrauben für die Antriebswellen bei Mercedes oder im guten Zubehörhandel kaufen, damit geht die Arbeit leichter von der Hand. Die Schrauben der Hardyscheibe sollten auch gewechselt werden, ich habe sie bisher wieder verwendet.

Wenn man sonst nicht regelmäßig am Differential arbeitet, ist der Ausbau eine gute Gelegenheit, auch die Lagerung des Differentiales zu überholen. Näheres dazu finden Sie in diesem Beitrag der Werkzeugkiste.


einen zurück zum Seitenanfang zur Startseite   Startseite dieses Projektes