Das Differential

Das Differential wird bei Mercedes wohlklingend Hinterachs-Mittelstück genannt. Das hört sich fast an, wie eine Fleischspezialität aus Argentinien, ist aber nur grobe Maschinenbaukost.

Es gibt Differentiale mit ABS (Anti-Blockier-System), das ab einem bestimmten Zeitpunkt serienmäßig verbaut wurde - übrigens war der Ford Scorpio in den 80ern die erste deutsche Limousine, die ABS serienmäßig an Bord hatte - mit ASD (Automatisches-Sperr-Differential) und ASR (Anti-Schlupf-Regelung). Weiterhin gibt es die Differentiale mit diversen Übersetzungen, teilweise unterschiedlich bis / ab Baujahr, teilweise unterschiedlich für manuelles / automatisches Getriebe und irgendwann noch unterschieden nach 80mm oder 90mm Durchmesser der Anschlußflansches.

Das Differential ölt
Schon seit ewigen Zeiten gibt es Probleme mit den Differentialen bei Mercedes. So ab 100tkm oder nach ein paar Jahren fangen die Teile an, Öl zu schwitzen, später tropfen sie und irgendwann gibt es Ärger mit dem TÜV oder beim Pickerl. Damit kann man umgehen, das austretende Öl wird abgewischt, das Gehäuse grob gereinigt und die Prüfer kennen ja die Schwachstelle, so daß man in den meisten Fällen nochmal so durchkommen sollte. Ärgerlich ist diese Sache allerdings schon.

Natürlich kann man das Differential abdichten bzw. abdichten lassen, jedoch ranken sich um diese Arbeit seltsame Märchen. Das Getriebe müsse zerlegt werden und hinterher kann es keiner wieder einstellen, heißt es. Durch das Auseinandernehmen würde alles nur noch viel schlimmer, hört man. Am besten macht man gar nichts, wischt das Öl ab und fährt weiter, wird einem geraten, so z.B. von Willi am 05.10.2001 in diesem Beitrag.

Nachdem ich in die Verlegenheit kam, selbst zwei Differentiale abzudichten, würde ich 'mal behaupten, daß man es machen kann, ohne etwas zu verschlimmbessern. Die Beschreibung zur Abdichtung des Differentiales findet sich in diesem Beitrag.

Das Differential heult
Praktisch dasselbe Problem wie beim ölenden Differential hat man beim heulenden. Angeblich kann selbst der Hersteller diese Dinger nicht vernünftig einstellen, so daß originale Tauschteile mit 0km ebenfalls heulen und dann erneut getauscht werden, bis der Fahrzeughalter entnervt aufgibt, oder tatsächlich ein ruhiges Differential erwischt wurde. Ordentliche Gebrauchtteile gibt es nicht, die greifen alle die Taxenbetriebe ab. Ganz so schlimm ist es nicht und inzwischen haben wir in den Werkstattempfehlungen auch schon mehrere Betriebe verzeichnet, die zur Zufriedenheit ihrer Kunden Differentiale neu lagern oder auch komplett mit neuem Radsatz überholen. Ganz billig ist dies nicht zu bekommen, hier sind sowohl die Teile teuer, als auch entsprechende Menge an qualifizierter Arbeitskraft von Nöten, aber: es geht.

Manche Differentiale heule bis 250tkm nicht - andere bereits nach der Einfahrtzeit, also bei etwa 100tkm. Im Schiebebetrieb, bei bestimmten Geschwindigkeiten, nur unter Last, irgendwann mischt sich zu den üblichen Fahrgeräuschen dieser Klang nach "Straßenbahn in der Kurve". Man kann damit problemlos weiterfahren, ohne daß man liegenbleibt, es wird von heulenden Laufleistungen im sechsstelligen Bereich erzählt, wie z.B. von Sebastian in seinem Beitrag vom 16.09.2001 - nervig ist es allerdings schon. Es trifft übrigens den 200D mit seinem "gewaltigen" Drehmoment genauso, wie die schlanken Achtzylinder und alle dazwischen auch.

Von Molykote gibt es Getriebezusätze Marke "Halt's Maul" und auch von DaimlerChrysler gibt es inzwischen einen Ölzusatz, der für Ruhe sorgen soll, wie Frank in seinem Beitrag vom 02.03.2002 schrieb. Die Teilenummer ist A000 989 82 03, die offizielle Bezeichnung lautet "Ölzusatz Geräuschminderung Sperrdifferential, 30ml", zu erhalten beim freundlichen Teileonkel für schlanke 10,53 € netto.

Macht das Differential mahlende Geräusche, knirscht und knackt und lassen sich andere mögliche Ursachen hierfür ausschließen, kommen beim Ölwechsel Metallspäne heraus, dann ist es vermutlich hinüber. Es gibt von Mercedes Tauschteile, die zum einen teuer sind und zum anderen nicht unbedingt geräuschfrei, siehe oben. Die Suche nach einem guten gebrauchten und kostengünstigen Differentiales ist schwierig, denn nicht nur Taxibetriebe suchen so etwas.

Ölwechsel

Nach Angabgen des Herstellers handelt es sich beim Öl im Differential um eine sogenannte "Lebenszeitfüllung". Dieser Begriff legt die Vermutung nahe, man müßte im Leben nicht das Öl wechseln - und das ist falsch. Richtig ist, daß das Leben des Differentials zu Ende ist, wenn kein Öl mehr vorhanden ist. Deshalb muß alle 20tkm der Ölstand geprüft werden.

Richtig ist weiterhin, daß auch das Öl im Differential altert und seine Aufgabe nicht mehr vollständig erfüllen kann - also 'raus damit! Außer dem Hersteller lebt niemand vom Verkauf neuer Differentiale, wir wollen die Teile doch lange nutzen, oder? So alle 100000 km oder nach 10 Jahren sollte man deshalb einen Ölwechsel im Differential durchführen, öfter schadet auch nicht. Es ist teilweise erschreckend, in welchem Zustand die Brühe ist, die da herauskommt.

Man benötigt einen 14er Innensechskantschlüssel (Inbus) und öffnet zuerst! die Nachfüllschraube, die in Fahrtrichtung links oberhalb der Antriebswelle sitzt. Bekommt man diese nicht geöffnet, sollte man vorerst die Ablaßschraube ebenfalls geschlossen lassen, sonst hat man ein Problem. Die Schrauben sitzen meist ziemlich fest und erfordern ein großen Lösmoment. Zum Verschließen des konischen Gewindes benötigt man lange nicht dieselbe Kraft, wie zum Öffnen, 40-50 Nm reichen völlig.

Das Nachfüllen des neuen Öles ist recht einfach, wenn man weiß, wie man es macht. Auf die Frage von Markus am 24.01.2002 in seinem Beitrag gab es einige Hinweise, wie man es am besten anstellt.

In Differentiale mit ASD muß ein "Hypoidöl für Ausgleichsgetriebe mit begrenztem Schlupf" gefüllt werden, in alle anderen gehört einfach Hypoidöl, jeweils mit der Viskosität SAE W90 oder W75-90. Es ist dabei unerheblich, ob ABS vorhanden ist, oder nicht. Die "kleinen" Differentiale benötigen einen Liter Füllmenge, die großen etwas mehr. Genaues steht in der Betriebsanleitung oder in den Reparaturanleitungen zum jeweiligen Fahrzeug.

Die Aufhängung des Differentials

Das Differential des W124 ist an drei Punkten am Hinterachsträger befestigt und dort mit Gummi-Metall-Lagern gedämpft. Der vordere Befestigungspunkt ist in Fahrtrichtung rechts am Gehäuse angegossen, die hinteren Befestigungspunkte sind im Gehäusedeckel verschraubt.

Wie alle Gummiteile, altern auch diese Silentbuchsen und -scheiben, so daß sich bei bestimmten Betriebszuständen Rumpelgeräusche von hinten oder beim Anfahren und bei Lastwechseln allgemein richtig gemeine Knackgeräusche ergeben können.

Während sich die Gummi-Metall-Lager des vorderen Aufhängungspunktes ganz einfach auswechseln lassen (Schraube 'raus, Lagerscheiben abnehem, alles retour), sind die beiden hinteren Silentbuchsen in den Achsträger gepreßt und erfordern einigen Aufwand zum Auswechseln.

Wie so oft ist geeignetes Werkzeug der Schlüssel zum sauberen und schnellen Arbeiten. Ein enstprechendes Aus- und Einziehwerkzeug (welches laut WIS auch von DC erhältlich ist) für die Silentbuchsen hat Ralf Plonka, im W124-Forum bekannt als Ralf E220 [GG], entworfen und stellt hier die normgerechten Konstruktionszeichnungen zur Selbstherstellung dieses Werkzeuges zur Verfügung. Man benötigt also "nur noch" eine Drehbank, etwas Rohmaterial und ein wenig Erfahrung in der Bedienung der Maschine (alternativ einen guten Kumpel, der einem noch einen Gefallen tun will) und schon geht es los!

  • Zeichnung des Werkzeuges im pdf-Format (Acrobat-Reader), Dateigröße ca. 900kB

  • Auch wenn Ralf diese Zeichnungen hier der Öffentlichkeit zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung stellt, sollte klar sein, daß das Urheberrecht an diesen Zeichnungen ausschließlich bei Ralf Plonka liegt und ohne sein Einverständnis keine Veränderung oder kommerzielle Nutzung dieser Unterlagen erlaubt ist.

    Mit diesem Werkzeug sollte der Wechsel der Buchsen ein "Spaziergang" sein, ganz im Gegensatz zu den mühevollen fünf Stunden, die Nils mit seinem Kumpel gebraucht hat, Nils' Bericht findet sich in diesem Beitrag vom 30.12.2003.

    Frohes Schrauben und: Danke an Ralf!
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