Die Lenksäule elektrisch einstellbar, SA 44/1

Die Sitzposition des Fahrers

Die richtige Sitzposition, die Ergonomie des Fahrerplatzes insgesamt ist ein wichtiger Aspekt, um den Wagen in möglichst allen Situationen im Griff zu haben und auch nach längeren Fahrten entspannt auszusteigen.

Beobachtungen im täglichen Straßenverkehr und Äußerungen von Trainern für Fahrsicherheit zeigen, daß die meisten Autofahrer zu weit hinten sitzen, daß das Lenkrad oft mit durchgedrückten Armen (Rennfahrerhaltung) gefaßt wird. Durch die weit hinten liegende Sitzposition ist eine Vollbremsung schlecht möglich, weil das ausgestreckte Bein und die ausgeübte Kraft zu Ende sind, bevor die Bremsanlage ihre volle Wirkung erzeugen kann. Weiterhin kann man so das Lenkrad - und damit das Fahrzeug insgesamt - in Gefahrensituationen nicht wirklich beherrschen.

Von der Körpergröße her bin ich mit meinen 1,73m zwar kein wirklicher Zwerg, aber dicht dran. Um angemessen zu sitzen, muß ich den Fahrersitz so einstellen, daß ich mit leicht angewinkelten Knien die Pedalerie bedienen kann. Ein näherer Abstand führt zu Ermüdungen in den Beinen und zu Streß bei schnellen Wechseln des rechten Fußes vom Gas auf die Bremse.

Wenn ich so sitze, wie es für meine untere Körperhälfte und die Bedienung der Pedalerie angenehm ist, sind meine Arme etwas zu kurz, um das Lenkrad bei Kurvenfahrt sicher greifen zu können und weiterhin festen Kontakt zur Sitzlehne zu behalten. Ich hätte das Lenkrad daher gerne näher am Körper.

Mit der Lehnenneigung kann man auch den Abstand des Oberkörpers zum Lenkrad beeinflussen. Leider setzt mein Rücken den Variationsmöglichkeiten enge Grenzen, zu steil darf es einfach nicht sein, sonst schmerzt die Wirbelsäule bald und das trotz orthopädischem Sitz mit Unterstützung des Lendenwirbelbereiches. Mein Traum ist nach wie vor ein Paar Recaro CSE in schwarzem Stoff, aber auch die werden meine begrenzte Beweglichkeit nicht beheben sondern höchstens komfortabel unterstützen können.

Wenn ich beide Hände am Lenkrad halte und dann um 90 einlenke, hänge ich mit dem Oberkörper in der Luft und habe den Kontakt zur Rücklehne verloren. Dies jedoch ist nicht die Position, in der ein Walter Röhrl oder ein Christian Danner ihre Schüler beim Fahrsicherheitstraining sehen wollen.

Verlängerung der Lenksäule

Um nun den Abstand zwischen Lenkrad und Fahrer zu verringern, würde es ausreichen, eine größere Nabe und darauf ein Zubehörlenkrad zu montieren. Denkbar wäre auch eine Verlängerung der Lenksäule durch ein (anzufertigendes) Adapterstück zur Aufnahme eines Originallenkrades.

Nachdem ich verschiedene Lenkräder angesehen und -gefühlt hatte, entschied ich mich gegen solch eine Lösung. Neben optischen Gründen (mir gefällt fast nichts auf dem Nachrüstmarkt) fehlt mir bei diesen ganzen Teilen von Momo etc. der verformbare Pralltopf, der sich seit über 20 Jahren in jedem konventionellen Lenkrad von Mercedes befindet. Es ist im Falle eines Falles sicherlich ein großer Unterschied, ob man mit dem Brustkorb diesen Lochblechtopf verformt oder auf ein flaches und starres Blechstück knallt.

Sollte man eine Knalltüte (Airbag) vor sich haben, gibt es inzwischen auch hierfür Nachrüstlenkräder, die Auswahl ist jedoch recht exklusiv (soll heißen wenig und teuer).

Die einzige Lösung, die letztlich übrig blieb, ist die elektrisch einstellbar Lenksäule von Mercedes. Hiermit kann man das Lenkrad in axialer Richtung um ca. 30mm zum Fahrer verstellen und (für Leute mit langen Armen) ca. 20mm in Richtung Armaturenbrett. Eine Höhenverstellung des Lenkrades war im W124 nicht vorgesehen.

Mit der Sonderausstattung Code 44/1 konnte man zu seinem W124 genau dieses Teil erwerben, wobei zu dem Zeitpunkt als mein Tee gebaut wurde (Herbst 1989), die "Lenksäule elektrisch einstellbar" ab Werk mit 615,60 DM incl. 14% USt. zu Buche schlug.

Die Nachrüstung einer verstellbaren Lenksäule

Eine Nachrüstung der Lenksäule ist meines Wissens nach von Mercedes nicht angeboten worden, zumindest findet sich im WIS hierzu nichts. Trotzdem sollte es ja möglich sein, die Anzahl der unterschiedlichen Teile ist überschaubar und wenn man so sieht, was nachträglich in Fahrzeuge anderer Hersteller verbaut wird... Warum also meinem Tee nicht eine elektrisch verstellbare Lenksäule spendieren?

Wie meist blieben die ersten Nachfragen bei Teilehändlern ohne gewünschtes Ergebnis, kennwanich, hammwanich, weesicknich waren die Antworten. Das einziges Exemplar, das mir tatsächlich präsentiert wurde, sollte damals 300DM netto kosten und war (hinsichtlich der Verkleidungsteile) nicht komplett. Der Verkäufer wußte offensichtlich, welchen Wert er da in der Hand hielt. Soo dringend brauchte ich die Säule dann auch nicht. Also wartete ich weiter, fragte mal hier, mal da und suchte hin und wieder bei ebay nach so einem Teil.

Für Joschi, einen Bekannten aus dem W124-Forum, holte ich in Rudow einen Dachgepäckträger ab, den er günstig bei ebay erstanden hatte und lagerte ihn zwischen, bis Joschi das Teil aus Berlin abholte. Als Gegenleistung hätte Joschi mir eine Lenksäule aus dem Saarland mitbringen wollen, sein gut sortierter Gebrauchtteilemensch hatte so etwas auf Lager und rief 150Euro auf. Ein angemessener Preis für die eSäule, aber zu viel für mich...

Dann plötzlich, am 17.08.2003 vor 20:46Uhr, an einem heißen Sonntagabend, den offenbar viele Menschen im Garten, im Café oder zumindest auf der Autobahn verbrachten, kam meine Chance: eine Lenksäule bei ebay für 50Euro Startpreis, genau ein Gebot mit 50Euro, das jedoch schon drei Tage alt war und sonst weit und breit niemand in Sicht.
Die zwei oder drei Lenksäulen, die ich vorher bei ebay beobachtet hatte, waren alle im Bereich von 100-150Euro weggegangen...

Also setzte ich mich mit schwitzigen Fingern vor die Tastatur und beobachtete die anscheinend statische Seite, auf der nichts passierte. Die F5-Taste wurde mein treuer Begleiter, doch immer wieder nur 50 Eumel. Niemand schien sich für das Teil zu interessieren, außer dem unentschlossenen Bieter von vorvorgestern und mir.

Da ich bei diesem Verkäufer bereits zu meiner Zufriedenheit gekauft hatte, sollte das Risiko überschaubar sein und ich gab ca. 45 Sekunden vor Ende der Auktion ein mutiges Gebot ab: über 75 Eumel wäre mir das Teil wert gewesen, hinzu kamen ja auch noch 25Euro für Porto und Versand. Der Preis kletterte durch mein Gebot auf 52 - und verblieb dort. Kein weiteres Gebot, kein neuer Bieter, niemand, der sich mit mir um das gute Stück streiten wollte... Irgendwann war's das dann, die Auktion lief ab und ich konnte es kaum glauben, das Teil ging für 52Euro an mich!

Zehn Tage später kam hier ein völlig zerfleddertes Paket an, das jedoch von einem lieben Mitmenschen, der sich nichts dabei dachte, an meiner Stelle angenommen wurde. In den Resten von Pappe und Paketband fand sich tatsächlich die Lenksäule, wie auf dem Foto bei ebay, zum Glück ohne die plattgetretene Kippe:



Also ausgepackt und begutachtet, soweit alles im Lot. Das Wellrohr war leicht exzentrisch, lies sich aber mit leichtem Händedruck wieder in Form biegen. An der Lenksäule war zwar noch der Kombischalter montiert, dafür fehlten die drei Verkleidungsteile, die bei SA 44/1 anders sind, als bei konventioneller Lenksäule. Über der Lenksäulenverkleidung und unterhalb des Kombiinstrumentes ist bei SA 44/1 ein schmaler Kunststoffkragen, der in die Rosette des Lenkschlosses rechts sowie die Rosette mit Lichtschalteraufnahme links eingeklinkt wird. Dazu sind die beiden Teile rechts und links mit entsprechenden Aussparungen versehen und somit speziell.

Die Teilenummern und Preise im August 2003 lauten:

Rosette Lichtdrehschalter A 124 680 10 65 zu 12,16 Euro
Deckel über Mantelrohr A 124 680 89 89 zu 15,51 Euro
Rosette Lenkungsschloß A 124 680 08 65 zu 8,32 Euro

Weiterhin fand sich der Schalter zur Betätigung der elektrischen Verstellung im Lieferumfang, jedoch war es der Schalter mit dem Zusatz "nur bei Memory-Verstellung" und somit für mich der falsche. Ich benötigte also zusätzlich das Teil

Schalter verstellbare Lenksäule A 002 545 46 07 zu 23,47 Euro

So kommt eins zum anderen und die Rechnung wird immer länger, so daß ich letztlich über 135 Euro inkl. Fracht und den zusätzlich benötigten Neuteilen bezahlte. Nun ja. Einmal angefangen, wird so ein Projekt aber auch durchgezogen, vielleicht helfen meine Erfahrungen ja irgendwann dem unbekannten Leser dieser Zeilen. Die Lenksäule auf dem folgendem Bild (ohne die o.g. Verkleidungsteile) wurde übrigens am 09.09.2003 für die stolze Summe von 173 Euro zzgl. Versandkosten ersteigert, so daß ich mit meinem Projekt wohl gar nicht so schlecht weggekommen bin.





Der Einbau der Lenksäule gestaltet sich relativ klar, ist aber aufwendig.

Zur freundlichen Beachtung:
Im folgenden werden u.a. Arbeiten an der Lenkung des Fahrzeuges beschrieben. Die Lenkung eines Fahrzeuges ist ein sicherheitsrelevantes Bauteil. Wer nicht qualifiziert ist, daran zu arbeiten, sollte es bleiben lassen, er gefährdet sonst sich selbst und unschuldige Dritte.
Vielen Dank für die Beachtung aller Sicherheitsvorschriften.

Die Fußraumverkleidung muß - mal wieder - 'raus (ich hasse dieses Teil inzwischen), das Kombiinstrument ebenfalls, damit man an zwei Schrauben der Lenksäulenhalterung herankommt. Die Batterie wird abgeklemmt, das Lenkrad abgebaut (Sicherheitsvorschriften für den Airbag beachten), Blinker-Kombischalter und ggfs. Tempomathebel abgeschraubt sowie die Steckverbindungen gelöst, das Lenkschloß mit eingestecktem Schlüssel aus der Säule gezogen und beiseite gehängt. Dann von unten bei Vorderräder in Stellung geradeaus die Schraube zwischen Kupplung des Lenkgetriebes und Lenksäule (8er Inbus) herausschrauben (nicht die Schraube zwischen Kupplung und Lenkgetriebe, dahinter sitzt eine Vielzahnverbindung und man darf raten, in welcher Stellung die Säule nun wieder hinein soll) und die Lenksäule nach innen herausziehen.

Der Sicherungskasten wird herausgeschraubt und ein Stromversorgungskabel mit 1mm² von einer sinnvollen Sicherung beginnend unter das Armaturenbrett verlegt. Ich habe das Kabel zusätzlich an die Steckhülse für die Versorgung der Fensterheber gelötet. Ausgehend davon, daß die Fensterheber oft betätigt werden, die Lenksäule aber selten verstellt wird, sollte die 25A-Sicherung diese mögliche Mehrbelastung vertragen, notfalls brennt sie eben durch, wenn man auf alle Knöpfe gleichzeitig drückt. Der zentrale Massepunkt unter bzw. in dem Armaturenbrett liegt bei gezogenem Kombiinstrument direkt vor der Nase des Monteurs, auch hierhin 1mm² verlegen und am Kabel des Schalters befestigen.

Dann fädelt man die neue Säule vorsichtig aber bestimmt in die Kupplung, schiebt das Lenkschloß wieder hinein, richtet die Säule an den Schraubverbindungen aus und baut das ganze Gelumpe in umgekehrter Reihenfolge wieder zusammen. Zur Befestigung der Lenksäule an der Kupplung die Schraube mit Schraubensicherung versehen oder eine neue kaufen, das ist dann eine mit A202-Nummer und Torx.

Schlußbetrachtung

Am nächsten Morgen fragte mich (mal wieder) meine Tochter eiskalt: und wo ist da nun der Unterschied?
Tja, man kann nun das Lenkrad um ca. 50mm verstellen, das geschieht sehr eindrucksvoll und Benz-mäßig mit einem kleinen Schalter und einem leise summenden Elektromotor. Normalerweise stellt man das Lenkrad aber wohl einmal ein und läßt es dann in der Stellung, von kleinen Korrekturen einmal abgesehen. Ich habe mir das Teil also ganz in Richtung Innenraum gestellt und finde meine Sitzposition und Armhaltung nun etwas besser und angenehmer als vorher.

Betrachtet man die Kosten der Gebraucht- und Neuteile sowie den Umbauaufwand, so muß man sich fragen, ob dies alles das Ergebnis rechtfertigt. Ich bin mit der neuen Lenkradposition ganz zufrieden, jedoch wäre eine zusätzliche Möglichkeit der Höhenverstellung schön und eine noch weitere Verstellbarkeit in Richtung Fahrersitz wünschenswert. Und dann waren da noch die Recaro CSE, die mir weiterhin durch den Kopf geistern...
Vielleicht bin ich auch einfach nur verwöhnt und daher schwer zufriedenzustellen :-)

In diesem Sinne: Frohes Schrauben allerseits!


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