Der Scheibenwischer

Mercedes hatte sich etwas ganz tolles einfallen lassen, nachdem im W201 (dem 190er) bereits ein konventioneller Einarmwischer verbaut wurde: Einen Hubwischer. Dieses Teil, das dann auch den bisherigen Einarmwischer im W201 ersetzte, sitzt mittig vor der Windschutzscheibe und führt eine (Teil-)Kreisbewegung durch. In den Ecken der Windschutzscheibe wird der Wischerarm zusätzlich radial nach außen verschoben, das Getriebe führt dabei eine entsprechende Hubbewegung durch.

Die auto motor sport schrieb in ihrer Ausgabe 24/1984 im Artikel Volle Fahrt voraus über den Einarmwischer folgendes:
Weil er soviel besser wischt als etwa der ebenfalls einarmige und deshalb häufig kritisierte Wischer des Mercedes 190, taufte man ihn Panorama-Wischer. Das Geheimnis liegt in einem zusätzlichen Kurbeltrieb, der dem Wischer zur Drehung noch eine Hubbewegung aufzwingt und damit das Wischfeld auf 86 Prozent der gesamten Scheibenfläche vergrößert. Das ist Weltrekord, sogar der zweiarmige und deshalb weniger strömungsgünstige Wischer am Vorgängermodell schaffte nur 78 Prozent.

Ein Weltrekord in der Größe des Wischfeldes, 86% gewischte Fläche, ein bemerkenswerter Prozentsatz. Nicht zu vergessen eben die Aerodynamik des Wischers, man hatte bei Mercedes auch für die Großserienfahrzeuge den Windkanal entdeckt. Aber: genug gespottet.

Wie immer bei großen Leistungen sind eben große Anstrengungen nötig, um diese zu erreichen. Neben dem konventionellen Wischergetriebe, das die Drehbewegung des Motors in eine Hin-und-Her-Bewegung des Wischers umsetzt und über die Jahre ausgereift war, kam also das Hubgetriebe hinzu und damit eine Schwachstelle des Apparates.

Wenn sich der Wischer im Betrieb immer langsamer bewegt und besonders in den Ecken fast nur noch schleichend vorwärts kommt, dann ist die Hubstange trocken. Diese läuft in einer Messingbuchse und ist im ausgefahrenen Zustand Wind und Regen ausgesetzt, zwar geschützt von einer Kappe, erst aus Alu und später aus Plaste, aber trotzdem im Freien. Prinzipbedingt kommt die Hubstange nur aus dem Getriebekasten, wenn der Wischer läuft - und dann regnet es eben meistens.

Man bringe den Wischer in 45-Stellung, ziehe den Zündschlüssel ab! und öffne die Abdeckung der Hubstange. Meist dürfte die Hubstange bereits gelblich angelaufen sein, was von den Torturen während des letzten Einsatzes erzählt. Am besten entfernt man den Wischerarm, nimmt ein gutes und dünnes Öl, z.B. Ballistol oder Nähmaschinenöl, und benetze die Hubstange damit ordentlich. Manche meinen, man sollte eher Fett statt Öl nehmen, ich glaube aber, das ist letztlich egal. Hauptsache, die Hubstange bekommt Schmierung. Auf die Windschutzscheibe tropfendes Öl oder Fett sollte man z.B. mit Alkohol abwischen, damit es sich nicht über die Scheibe verteilt.

Nun läßt man den Scheibenwischer laufen. Da er keinen Wischer über die trockene Scheibe ziehen muß, geht das ganze recht flott. Das Öl oder Fett, mit dem man die Hubstange geschmiert hat, gelangt nun auch in die Buchse, so daß dieser Apparat ebenfalls geschmiert wird. Im günstigen Augenblick, wenn der Hubstummel auf 45 steht, dreht man den Zündschlüssel wieder um und schmiert die Hubstange erneut.

Letztlich sollte man überschüssiges Öl oder Fett, das bei eingefahrener Hubstange vor dem Lager "hockt" oder auf das Gehäuse gelaufen ist, sorgfältig abwischen, damit es einem später nicht gegen die Scheibe spritzt, wie es am 31.07.2002 von Chris in seinem Beitrag geschildert wurde.

Dieses bißchen Schmierung hilft ungemein und hält ziemlich lange. Wenn man es jährlich wiederholt, hat man lange Freude an seinem Hubwischer und braucht nicht für ca. 500 € ein neues Getriebe bei DC kaufen. Wieviel? Ja tatsächlich, so teuer ist die "Reparatur", wenn man an die falsche Werkstatt gerät. Die Einbaukosten kommen natürlich noch dazu. Also lieber schmieren, oder?

Der Zusammenbau geschieht - wie immer - in umgekehrter Reihenfolge.

Eine sehr schöne und bebilderte Anleitung zum Reinigen und Schmieren des Wischergetriebes brachte Tom "Diesel" Rücker in seinem Beitrag vom 26.01.2005. Er zeigt hier den unterschiedlichen Aufbau der beiden Wischerkonstruktionen, wobei der sogenannte Vollmetallwischer die ältere Version darstellt (massiv, aber schlecht zugänglich) und der Wischer mit dem Plastedeckel die neuere Variante ist (einfacher aufgebaut, leichter Zugang). Bei der Vollmetallversion muß der gesamte Wischerantrieb ausgebaut werden, um an das eigentliche Hubgetriebe heranzukommen, was beim W124 mit einigem Aufwand verbunden ist. Trotzdem ist so ein großer Wartungsdienst beim Hubwischer durchaus sinnvoll, wenn man es alle 200tkm oder 15 Jahre einmal durchführt.

Ein weiteres Problem des Wischers beim W124 und seinen Verwandten ist das Schmieren auf der Scheibe. Dieses Problem haben hauptsächlich Hubwischer-Fahrzeuge, die anderen wischen meist völlig problemlos. Hat man sich im W123 Forum jemals über diese schrecklich schmierenden Wischer beschwert? Ich kann mich nicht erinnern.

Die Scheibe muß sauber sein, fett- und silikonfrei. Am besten mit einem neuen oder gewaschenen Microfasertuch und Haushaltsfensterreiniger säubern. Nach jeder Wagenwäsche, besonders nach Heißwachsbehandlungen (gibt es eine schönere Geldvernichtung, als den Komplettschutz einer automatischen Waschanlage?) ist diese Reinigung Pflicht und auch das Wischerblatt sollte intensiv gereinigt werden.

Einmal im Jahr sollte man das Wischerblatt erneuern. Günstige Wischer gibt es von SWF bei ATU (ja tatsächlich, auch dort kann man kaufen) oder als einzelnes Austauschblatt dirket bei DC (die kaufen auch bei SWF).

Weiterhin kommt es für fortgesetzte klare Sicht auf das Mittel in der Scheibenwaschanlage an. Ich habe die besten Erfahrungen mit Sonax KlarSicht Konzentrat 1:100 gemacht, wobei eine Kappenfüllung auf den Behälter ausreichend ist. Dieses Mittel gibt es in verschiedenen Geschmacksrichtungen, wobei ich Zitrone bevorzuge, aber das hat wohl keinen Einfluß auf die Reinigungswirkung.

Obwohl es sich anhört, wie in einer billigen amerikanischen Werbesendung: seit ich dieses Reinigungskonzentrat für die Scheibenwaschanlage verwende, habe ich immer beste Sicht und keine Schlieren mehr.

Im Winter verwende ich übrigens so ein grünes Alkoholfrostschutzmittel, das gibt es relativ billig bei REAL, dazu eine Kappe Sonax KlarSicht Konzentrat 1:100. Dieses Alkoholzeugs stinkt zwar ziemlich penetrant, wie meine Damen bemerkten, aber es reinigt sehr gut, eigentlich noch besser, als Wasser und Sonax KlarSicht Konzentrat allein.

Eine weitere Quelle für Schlieren auf der Frontscheibe ist übrigens der Motorfrostschutz. Wie kommt der in die Scheibenwaschanlage? mag man sich fragen.
Ziemlich bald nach der Einführung des W124, so ca. 1987, führte Mercedes die Beheizung der Scheibenwaschanlage ein. Dazu wird - Mercedes-typisch aufwendig - der kleine Kühlkreislauf des Motors angezapft und das warme Wasser durch eine Heizspirale geführt, die im Wasserbehälter hängt. Somit wird das Scheibenwasser erwärmt, sobald der Motor auf Temperatur kommt, gesteuert wird die Heizleistung durch einen kleinen Thermostaten im Fuß der Heizspirale. Der Schlauch zu den Düsen und die Düsen selbst sind zusätzlich elektrisch beheizt und thermostatgesteuert, genauso, wie die Außenspiegel auch.

Kommt es nun z.B. durch Korrosion zu einem kleinen Leck in der Heizspirale des Scheibenwasserbehälters, so tritt dort immer etwas Kühlwasser aus und vermischt sich mit dem Reinigungswasser. Dieses Gemisch haut man sich dann auf die Scheibe und da an den Motorfrostschutz ganz andere Anforderungen gestellt werden, als an Scheibenreiniger, schmiert es fürchterlich.

Führen also die o.g. Maßnahmen nicht zu schlierenfreier Sicht und verliert der Motor immer ein kleines bißchen Kühlwasser, während der Scheibenwasserbehälter nie so richtig leer wird - dann prüfen Sie doch einmal die Heizspirale auf Dichtigkeit.
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