Die Ventilschaftdichtungen

Wenn der Ölverbrauch langsam aber sicher die Ein-Liter-Marke pro 1000km überschreitet, ist es höchste Zeit, sich um die Ventilschaftdichtungen zu kümmern. Diese Teile sorgen dafür, daß das Öl aus dem Nockenwellenraum unter dem Ventildeckel nicht in den Brennraum über den Kolben gelangt. Mit der Zeit verhärten die Ventilschaftdichtungen und laufen ein. In der Folge gelangt Motoröl in meßbaren Mengen in den Brennraum und führt dort zu Verkokungen an Ventilen und Kerzen (sofern vorhanden).

Wenn man die Zylinderkopfdichtung erneuern muß, bietet es sich an, diese Ventilschaftdichtungen ebenfalls zu erneuern, weil man den Kopf sowieso auf der Werkbank hat. Gleichzeitig kann man die Führungen prüfen und die Ventilsitze auf Verschleiß untersuchen...

Die Ventilschaftdichtungen allein kann man jedoch aber auch erneuern, ohne den Zylinderkopf zu demontieren. Der folgende Text wurde von Dirk Petrautzki verfaßt und Ihnen freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Dirk beschreibt den Wechsel am Beispiel eines M102, die Arbeiten sind jedoch bei allen OHC-Motoren sehr ähnlich.
Ein paar Anmerkungen dazu von meiner Seite:

Es gibt z.B. von Hazet auch ein Werkzeug, das auf der einen Seite Zündkerzengewinde und auf der anderen Seite einen Normanschluß für den Preßluftschlauch hat. Damit bekommt man den Brennraum leichter unter Druck gesetzt, als beim Herumfummeln mit der Zündkerze so dicht am Zylinderkopf.

Ich habe mit diesem Ventilheber von Hazet auch schlechte Erfahrungen gemacht. Es gibt Brücken, die man auf den Kopf schraubt und dann mit einem längeren Hebel den Federteller herunterdrückt. Bei ebay sind solche Geräte in Universalausführung gar nicht so teuer, Erfahrungen damit habe ich jedoch noch keine. Bei Mercedes verwendet man übrigens auch so eine Brücke, da paßt dann aber natürlich auch alles ganz hervorragend zusammen!

Man sollte die Kurbelwelle wirklich arretieren, z.B. mit einem 27er Schlüssel am Boden abstützen, und zwar so, daß der unter Druck gesetzte Kolben möglichst nicht weit absacken kann. Warum? Nun, hier meine Geschichte zum Ventilschaftdichtungswechsel.

Die Kunst, Ventile im Motor zu versenken

Im Herbst 2003 machte ich mich beim 300 TE an die Schaftdichtungen, ausgerüstet mit dem Hazet Werkzeug der Autoselbsthilfe Abakus im Berliner Meilenwerk. Nur zur Erläuterung: ich hatte an dem Tag eine leichte Migräne und so manche Geräusche gingen mir mächtig auf den Keks.

Da der Tee ein Automatic Getriebe hat, konnte ich den Motor mittels eingelegtem Gang und Feststellbremse nicht blockieren, machte mir jedoch keine großen Sorgen deshalb. Den Zylinder unter Druck gesetzt, der Motor drehte sich weiter (bis der Kolben unten war?), die Feder abgebaut und das Ventil blieb oben. Ich drückte vorsichtig am Schaft des ersten freigelegten Ventiles, aber die Druckluft im Brennraum drückt ja gegen die Ventilteller und das Ganze war recht stail. Zumindest so lange, bis...

Tja, der Kompressor steht in einer Ecke der Werkstatt und sprang natürlich irgendwann an, weil er Luft nachdrücken mußte. Der Kompressor bollerte also und die Luft zischte aus dem Motor und alles zusammen machte ziemlich nervigen Krach - so daß ich irgendwann, als ich die Ventilfeder vom 3. Zylinder Einlaß abgenommen hatte, mit einer eleganten Bewegung den Preßlufthahn schloß, ich hatte die Feder ja entnommen und brauchte den Druck nicht mehr. Als ich mich zur Werkbank drehte und die Feder abstellte, verstummte der Kompressor. Ah, endlich Ruhe. Hinter mir machte es leise aber vernehmlich "kling".

Ich wußte sofort, was passiert war, drehte mich blitzartig um - und sah in die leere Ventilführung, wo vorher noch der Ventilschaft herausgeschaut hatte. Das Ventil war heruntergefallen, als der Druck im Brennraum weg war und da der Kolben bis UT nachgegeben hatte (nix Motor blockiert), war das Ventil auch komplett hineingefallen.

Mein Blutdruck sackte ähnlich schlagartig und weit ab, wie das Ventil eben und ich dachte ein paar nicht jugendfreie Sätze. Um es abzukürzen: Das Ventil war wech und der Kopp mußte 'runter, Punkt fertig aus. Nun hatte ich großes Glück im Unglück, denn Kollege Jürgen 200D hatte frei und war - telefonisch herbeigerufen - nach 20 Minuten am Tatort. Er beruhigte mich, sprach mir Trost zu, besorgte etwas Nahrung und zusammen montierten wir den ollen Zylinderkopf ab.

Am nächsten Morgen sammelte mich Jürgen auf, zusammen holten wir Benny ab (der gerade eine Führerscheinpause einlegen durfte und daher auch nicht so mobil war), dann wurden noch ein paar Einkäufe getätigt (Brötchen, Cola, Kopfdichtungssatz und so...) und dann wieder in die Werkstatt. Jürgen mußte weiter, aber zusammen mit Benny wechselte ich die restlichen Schaftdichtungen und montierte den Kopf. Gegen Nachmittag lief die Karre und alles war wieder gut.

Die Moral von der Geschichte ist: 1. nicht mit Migräne schrauben, 2. nicht die Preßluft abstellen und 3. Freunde sind etwas Wunderbares!

Ach ja, mein Ölverbrauch ging nach der Kopfoperation stark zurück, jedoch hatten wir festgestellt, daß die Auslaßventile von Zylinder Nr. 6 und 4 stark verbrannt waren und die Führungen klapperten wie Sau. Trotzdem hatten wir den Motor wieder zusammengebaut, es war Samstag und die Karre mußte laufen.

15000 recht vorsichtig gefahrene Kilometer später habe ich im Herbst 2004 den Kopf wieder demontiert und ihn überholen lassen. 12 neue Führungen, 12 neue Ventile, ein Kopfdichtungssatz, diverser Kleinkram macht 700 Euro für den Motorinstandsetzer und 100 Euro an Material - aber nun summt der Motor wieder erstklassig. Die Nockenwelle sah prima aus, die Steuerkette zeigte keine Längung, also wurde da nichts gewechselt. Auf die nächsten 261000km :-)


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